Institut für Volkskunde
der Deutschen des östlichen Europa
IVDE Freiburg
„Sagenhafte Erzählungen aus Dörfern mit Angehörigen der deutschen Minderheit in Südostmitteleuropa"
Protokoll einer sagenhaften Erzählung zum Motiv „Wilde Jagd“, ungarisch und deutsch, von Anna Loschdorfer (Aufzeichnung zwischen 1935-1938, Nachlass Karasek).

Im IVDE Freiburg, dort im Bestand des Nachlasses Karasek, befindet sich eine umfangreiche, auf Typoskriptblättern niedergelegte Sammlung von Erzähltexten aus Südostmitteleuropa der 1930er bis 1950er Jahre. Den größten Teilbestand nach Zahl bilden „Sagenhafte Erzählungen“ aus Gemeinden der deutschsprachigen Minderheit in Ungarn, weiterhin aus der historischen südlichen Bačka-Region (Jugoslawien) und dem historischen Banat-Gebiet. Eine 2013 durchgeführte Bestandsaufnahme zeigte einen Gesamtumfang von mehr als 5.000 einzelnen Texten, ganz überwiegend in deutscher Sprache. Insbesondere und neu aber zeigte sich, dass sich darunter eine bedeutende Anzahl von Texten befindet, die durch Feldforschungen ungarndeutscher, in Ungarn lebender und ausgebildeter Akademikerinnen und Akademiker erhoben worden ist: 2.295 Texte, aufgezeichnet vor allem durch die Budapester Mittelschulprofessorin Anna Loschdorfer (1.475 Stücke) und den Volkskundler Eugen Bonomi, ein Schüler Jakob Bleyers (345 Stücke). Die Dokumentationen zeichnen sich aus durch exakte und detaillierte Transkriptionsarbeit (phonetische Umschrift des jeweiligen Dialekts) sowie durch genaue Angaben zu den Erzählpersonen (Wohnort, Aufzeichnungsort, genaue Aufzeichnungszeit, Alter, Familienstand u.a.). Die Erzählpersonen sind somit auch für gegenwärtige Forschung im Abgleich mit archivalischem Material sowie mit Einwohnerlisten einschlägiger Ortsmonografien noch eruierbar. Loschdorfer hat außerdem auch ungarisch-sprachige Texte aus ihren Forschungsorten notiert und überliefert. (Dieser neuaufgefundene Textkorpus wurde weder durch die früheren Arbeiten Alfred Karaseks noch durch die großangelegte, mehrbändige Editionen und Auswertung „Ungarndeutsche Volkserzählungen“ der 1980er Jahre durch Alfred Cammann/Alfred Karasek herangezogen und untersucht.) Die Aufzeichnungen zeigen deutlich den zeitgenössischen Sprachzustand der deutschen Minderheitensprache. Da in diesen Erzähltexten auch technisch-maschinelle Errungenschaften in „sagenhafter“ Sprache zum Vorschein kommen, spiegeln sie alltagsgeschichtlich einen zeitgenössischen Mentalitätswandel innerhalb der Dorfgesellschaften des mittleren 20. Jahrhunderts. In Ergänzung dazu werden sagenhafte Erzählungen aus Dörfern Südostmitteleuropas mit einbezogen, die sich ebenfalls im Nachlass Karasek befinden, jedoch erst in Internierungs- und Übergangslagern aufgezeichnet worden sind.

Das auf mehrere Jahren hin angelegte Projekt, unterstützt vom Deutschen Akademischen Austauschdienst und in Zusammenarbeit mit Dr. habil. Éva Márkus/Eötvös-Loránd-Universität Budapest, macht sich die Erfassung und Gliederung dieser Texte sowie deren Aufbereitung sowohl für den Unterricht „Deutsch als Minderheitensprache“ wie auch für die alltagsgeschichtliche Forschung zur Aufgabe.

Publikationen

Prosser-Schell, Michael: Aufzeichnungen sagenhafter Erzählstücke durch Jenö Bonomi und Anna Loschdorfer im IVDE Freiburg. Minderheitenvolkskunde der Deutschen in Ungarn in der Zwischenkriegszeit. In: Anikó Szilágyi-Kósa et al.(Hg.): Wandel durch Migration. Tagungsband der Internationalen Tagung „Gesellschaftliche, sprachliche und kulturelle Wandlungen im Zuge von Migrationsprozessen“, Germanistisches Institut der Universität Veszprém, 25.-26. September 2014. Veszprém 2016, S. 87-110.

Prosser-Schell, Michael: Forschungen und Forschungsmöglichkeiten mit dem Nachlass Karasek im IVDE Freiburg. Neuere Ergebnisse und Befunde. In: Hans-Werner Retterath (Hg.): Zugänge. Volkskundliche Archiv-Forschung zu den Deutschen im und aus dem östlichen Europa (Schriftenreihe des IVDE, 16), Münster 2015, S. 159-193.

Projekt von: Michael Prosser-Schell
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